Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS)

Mit einem Vorkommen von drei bis sechs Prozent stellen Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen eine außerordentlich häufige Erkrankung dar. Diese Störung war bereits früher vor der Anpassung an die internationale diaganostische Klassifikation bekannt und verbreitet insbesondere bei Kindern. Die Variante mit einem hyperkinetischen Faktor, also einer deutlichen motorischen Unruhe und einer Neigung zu impulsiven Handlungen verknüpft, wurde früher umgangssprachlich und auch in medizinischen Fachkreisen als "Zappell-Phillpp" bezeichnet.   



Was es ist ...

Beide Varianten sind gekennzeichnet von der Schwere sich bei Leistungsanforderungen länger oder überhaupt zu konzentrieren, eine frei schwebende und leicht aufnehmende Aufmerksamkeit ist kaum oder gar nicht vorhanden; Anforderungsreize werden sogleich als Reizüberflutung bzw. als Überforderung wahrgenommen und ausgeblendet bzw. vermieden.

Woher es kommt ...

Moderne Forschung befindet eine neurobiologische Disposition und daran ansetzende Umweltfaktoren wie z.B. psycho-soziale Bedingungen in der Familie. Die wissenschaftlichen Studien und Ergebnisse für eine genetische Disposition sind aber aus meiner Sicht nicht überzeugend - mir erscheint eher die Verknüpfung dieser Ergebnisse mit dem Interesse der Pharmaindustrie auffällig zu sein, die Gelegenheit der Neudefinition der Krankheit zu nutzen für eine ätiologische Bestimmung, nämlich zugunsten einer genetischen Disposition, die dann rechtfertigt eine pharmakologische Behandlung in den Vordergrund zu stellen. Das Geschäftsfeld ADS/ADHS ist für die Pharmaindustrie  ein Milliardengeschäft, und das beeinflusst die Ausrichtung der Forschungsstudien. Bei den Experten wächst längst die Erkenntnis, dass von den nicht speziell ausgebildeten Hausärzten zu leichtfertig und undifferenziert entsprechende Medikamente als "schnelle LÖSUNG" verschrieben werden. Das zeigt einmal mehr, dass das Marketing der Pharmaindustrie "gut" funktioniert.

ADS/ADHS kann aus meiner Sicht bei einem Teil der Betroffenen aus hirnorganischen Defiziten heraus entstehen. Diese wiederum haben häufig exogene Ursachen, also Schädigungen, die vor oder während der Geburt auf den Menschen einwirken. Die alten Bezeichnungen hierfür waren Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD) und Psychoorganisches Syndrom (POS). Diese möglichen Befunde können diagnostisch getestet und sollten durchgeführt werden, um sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu bestätigen oder auszuschließen.

Der systemische Ansatz

In jedem Fall ist eine psychotherapeutische Behandlung des Einzelnen zu empfehlen. Da es vorwiegend bei Kindern und Jugendlichen auftritt sollte daher zur Einzelbehandlung ein speziell ausgebildeter Kinder-und Jugendpsychotherapeut aufgesucht werden. Darüber hinaus empfiehlt es sich dringend eine Familientherapie zu unternehmen, welche die psycho-sozialen Rahmenbedingungen für das betroffene Kind oder den Jugendlichen untersucht und therapeutisch in der Familie weiterentwickelt.

ADS/ADHS als Krankheit ist ein Aufmerksamkeitsdefizit, das sich nicht nur intrapsychisch im betroffenen Kind auswirkt, sondern in der Regel auch ein
Aufmerksamkeitsdefizit bezeichnet, das Eltern gegenüber ihrem Kind geschehen lassen. Es ist in diesen Familien häufig eine emotionale und soziale Vernachlässigung vorzufinden.

Die emotionale und soziale Vernachlässigung bildet sich häufig auch in Form einer Erwartungshaltung von Leistungsanforderungen ab, eine elterliche Haltung, die sich einer konkreten und beziehungsstiftenden Unterstützung enthält. Dies geschieht nicht selten im Kontext der eigenen Überforderungssituation der Eltern selbst, die glauben, keine Zeit für ihre Kinder zu finden. Diese Erfahrungen bilden auch den Grund für mich, das Phänomen ADS/ADHS diagnostisch und therapeutisch in die systemisch ausgerichtete Betrachtung und Klassifikation des "Burnout-Syndroms" einzubeziehen.